English
0000_News_links.jpg
abstandhalter_top.jpg
4000.jpg
abstandhalter_top.jpg
0000_Forschung_rechts.jpg

Genetik

Am Ende? Nein, aber im grundlegenden Wandel!

Sie sind Bestandteil vieler renommierter Fachjournals der letzten Jahre, die Veröffentlichungen von Wissenschaftlern über ihre Identifizierung mutmaßlich genetischer Ursachen für Krankheiten. Gern werden die Fundstücke in den Erbanlagen selbstbewusst als "Krankheitsgene" publiziert. Und suggeriert, man habe das grundlegende Übel des Leidens entschlüsselt. Doch das ist meist nicht so, mal abgesehen von konkret nachgewiesenen genetischen Verantwortlichkeiten bei Brustkrebs oder Alzheimer: "Ganz überwiegend handelt es sich tatsächlich um bloße statistische Auffälligkeiten", sagt der angesehene US-Humangenetiker David Goldstein zu den beinahe inflationären Berichten über mögliche Risikogene. Er propagiert eine grundlegende Neuorientierung der Genomforschung. Eine internationale Debatte der führenden Genetiker ist entbrannt.

Vor einigen Jahren hatte sich Forscher Goldstein noch selbst mit Feuereifer auf die Suche nach vermeintlichen "Krankheitsgenen" begeben. Bestimmte genetische Merkmale hatte er unter Verdacht, für Krebs und Herzinfarkt verantwortlich zu sein. Zunehmend aber wurde Goldstein deutlich, dass es jenen einen Krankheitsverursacher in den Erbanlagen offenbar nicht gibt. Umwelteinflüsse spielen eine gravierende Rolle bei der Erkrankung an zivilisatorisch eher neuen Phänomenen wie den grassierenden chronischen Entzündungen.

Je gründlicher und ausufernder Vergleichsstudien angelegt wurden - was bislang stets bedeutete, immer mehr kranke wie gesunde Probanden einzubeziehen -, umso weniger Substantielles wollte sich dabei herausdestillieren lassen. In der Folge wurde hier oder da einzelnen Genen etwas euphorisch zugeschrieben, für den Ausbruch einer Erkrankung verantwortlich zu sein. Tatsächlich aber erklärte jedes Gen für sich maximal einige wenige Prozent im Krankheitsgeschehen. Einiges mehr scheint weiter im Erbgut zu schlummern. Und dies nicht zuletzt, weil die Suchmethoden offenbar zu grobmaschig sind.

Bereits mit der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor sechs Jahren erkannten die Wissenschaftler, dass es Millionen Stellen im Erbgut gibt, die sich von Mensch zu Mensch ganz individuell unterscheiden. In diesem Dickicht so genannter "SNPs", den Single Nuclteotide Polymorphisms, wurden Auffälligkeiten manches Mal erheblich überinterpretiert. Sie stellten sich vielfach als klinisch nahezu unbedeutend heraus. Die mit Tausenden, zuletzt oft Zehntausenden Teilnehmern höchst aufwändigen und zunehmend wenig ergiebigen Assoziationsstudien können offenbar nicht die Zukunft sein, um die Mechanismen von Volksleiden umfassend zu identifizieren.

David Goldstein hat daraus Konsequenzen gezogen - und zuletzt im Magazin "DER SPIEGEL" (22/2009) eine grundlegend andere Strategie der Genforschung vorgeschlagen: Gezielt soll das Erbgut einzelner Kranker untersucht werden. Und das höchst differenziert. Denn künftig wird das gesamte Genom des einzelnen Patienten bis in den hintersten Winkel unter die Lupe genommen. "Baustein für Baustein, damit diesmal nichts übersehen wird", so der SPIEGEL.

Durch immer schnellere Sequenziermethoden, das zentrale Handwerkszeug der Genetiker, ist diese Forschungsstrategie inzwischen auch bezahlbar geworden. Darauf setzen wie Goldstein bereits jetzt auch schon die führenden deutschen Genforscher in den Laboren des "Exzellenzcluster Entzündungsforschung" - und positionieren sich überdies engagiert in der internationalen Diskussion. In einer für die nächsten Tage angekündigten Stellungnahme wollen sie eine zielgenaue Genetik der Zukunft öffentlich propagieren, um - so Exzellenzcluster"-Leiter Stefan Schreiber - mit dieser absehbar neuen Qualität an Forschungsergebnissen die dringend benötigten innovativen Therapien entwickeln zu können.

MEHR INFOS

DAS GEN

Über die Entschlüsselung fataler Signale aus den Erbanlagen

DAS MOLEKÜL

Die Entzündungserreger im Detail verstehen lernen

DIE ZELLE

Über die Analyse der elementaren Bausteine des Lebens

MODELLSYSTEME

Die molekularen Geschehnisse im Organismus nachvollziehen