Herzinfarkt
Neue Risikogene entschlüsselt
Mehr Gene als bislang bekannt sind für die Vererbung des Herzinfarkts bedeutsam. Auffallend dabei: Kaum einer der identifizierten Bausteine des Erbguts, die das Risiko für die koronare Herzerkrankung erhöhen, passt zu den etablierten Theorien für die Entstehung des Herzinfarkts. Diese Erkenntnisse eröffnen jetzt neue Ansätze zur Prophylaxe und Therapie des Herzinfarkts, berichtet die Universität Lübeck in einer nachfolgend in Auszügen dokumentierten Pressemitteilung:
Lübecker Wissenschaftlern gelang es gemeinsam mit europäischen und amerikanischen Kollegen in drei groß angelegten Studien, neue Gene für den Herzinfarkt zu entdecken. In aktuellen Studien wurde das gesamte menschliche Genom mit Hunderttausenden genetischer Marker bei Tausenden Patienten abgesucht. Für jeden einzelnen DNA-Marker, der stellvertretend für einen winzigen Chromosomenabschnitt steht, wurde berechnet, ob es Varianten gibt, die bei Herzinfarktpatienten gehäuft vorkommen. Das Ergebnis ist eine immer länger werdende Liste von Genen, die in überraschender Weise ursächlich für den Herzinfarkt verantwortlich sind.
In der ersten der drei Arbeiten wurden eine Million genetischer Marker bei 1.200 Patienten mit Herzinfarkt und einer gleich großen Anzahl von gesunden Probanden untersucht. Die folgenden Kontrolluntersuchungen an weiteren 25.000 Patienten und gesunden Personen bestätigten den initialen Verdacht: Auf den Chromosomen 3 und 12 sitzen Gene, deren Varianten den Herzinfarkt verursachen können. Bei einem dieser Gene, dem so genannten MRAS-Gen, wird vermutet, dass es eine wichtige Rolle in der Gefäßbiologie einnimmt. Beim zweiten Gen, dem HNF1A-Gen, besteht eine enge Beziehung zum Cholesterinstoffwechsel. Das besondere Element der zweiten Arbeit liegt darin, dass nicht nur einzelne genetische Marker bezüglich ihres Einflusses auf das Herzinfarktrisiko untersucht wurden, sondern Kombinationen aus bis zu zehn benachbarten Markern. Damit lässt sich eine noch höhere Dichte der genetischen Information ableiten, als dies für einzelne Marker der Fall ist. So konnte eine weitere Region, diesmal lokalisiert auf dem Chromosom 6, identifiziert werden, welche mit dem Herzinfarktrisiko vergesellschaftet ist. Das dort lokalisierte LPA-Gen reguliert die Konzentration eines bestimmten Lipoproteins - ein Partikel, das im Blut Fette wie beispielsweise das Lipoprotein (a) transportiert. Der Hattrick neuer Erkenntnisse zur koronaren Herzerkrankung wird vervollständigt durch die Arbeit, die drei weitere bislang unbekannte Herzinfarktgene auf den Chromosomen 2, 6 und 21 identifizieren konnte. Um diese Information auch statistisch sicher zu untermauern, wurden 12.000 Patienten mit Herzinfarkt mit ebenso vielen Gesunden verglichen. Die Studie zeigt, dass bei Menschen, die nicht nur einen, sondern mehrere der genetischen Marker in sich tragen, die Herzinfarktwahrscheinlichkeit mehr als verdoppelt ist. Je höher die Anzahl der jetzt identifizierten Krankheitsgene ist, umso höher war das Krankheitsrisiko.
Die drei Manuskripte fügen bedeutsame Puzzlesteine in das bislang nur unvollständig vorliegende Bild der Vererbung des Herzinfarktes ein. Dieses Wissen wird zukünftig in neue medikamentöse Therapien und zuvor in einer verbesserten Risikobewertung für bislang noch nicht erkrankte Personen münden: "Die neuen Befunde lassen eine Vielzahl von wissenschaftlichen wie auch medizinisch-klinischen Schlussfolgerungen zu", so Studienleiterin Jeanette Erdmann. So böten die jetzt identifizierten Marker neue Ansätze, risikobehaftete Personen zu identifizieren. Das Ziel sei, die Möglichkeiten der präventiven Behandlung auf solche Menschen zu konzentrieren, die das höchste Risiko für einen Herzinfarkt in sich tragen.
Für den Kardiologen des "Exzellenzcluster Entzündungsforschung", Heribert Schunkert, ist "immer klarer, wie wenig wir die Entstehungsmechanismen des Herzinfarktes verstehen." Traditionelle Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus und erhöhtes Cholesterin seien zwar für die Ausbildung der entzündlich bestimmten Arteriosklerose wichtig: "Aber es muss noch viele unentdeckte Mechanismen geben. Kaum eines der neu identifizierten Herzinfarktgene passt in die etablierten Klischees zur Entstehung des Herzinfarktes." Die Frage, warum so viele Menschen vom Herzinfarkt getroffen werden, müsse also neu gestellt werden.

