Genetik-Debatte
Plädoyer deutscher Genomforscher: Umdenken!
Die Erforschung des menschlichen Erbguts steht offenbar vor einer grundlegenden Neuausrichtung. Hoffnungen von Humangenetikern und Medizinern, Volksleiden allein durch auffällige Konstellationen in den Erbanlagen erklären zu können und daraus flugs neue Therapien zu entwickeln, haben sich als Illusion erwiesen - sechs Jahre nach der vermeintlich kompletten Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Nicht nur, dass die Erbanlagen über weitere, lange nicht bekannte Untiefen verfügen, die jetzt durchsucht werden sollen. Die meisten euphorischen Einordnungen genetischer Besonderheiten als "Krankheitsgene" weisen renommierte Genforscher wie der US-Wissenschaftler David Goldstein als "nichts anderes denn bloße statistische Auffälligkeiten" zurück (vgl. News vom 10.07.2009) - und mahnen folgerichtig neue wissenschaftliche Konzepte an: für eine Zukunft der Genetik in der Medizin des 21. Jahrhunderts.
Derlei innovative Strategien verfolgen Deutschlands Genetiker des "Exzellenzcluster Entzündungsforschung" bereits seit geraumer Zeit, wenn sie noch differenzierter die Erbanlagen durchforsten. Und dies gezielt bei Kranken tun. Die Assoziationsstudien mit Zehntausenden Teilnehmern, Kranken wie Gesunden, gehören hier schon weitgehend der Vergangenheit an: "Jetzt gehen wir bei dem einzelnen Betroffenen noch mehr in die Tiefe, entschlüsseln sein gesamtes Genom bis ins letzte Detail", erläutert Stefan Schreiber, der die Genforschung des deutschen "Exzellenzcluster" leitet. Und der international angesehene Gastroenterologe, der 2002 weltweit die ersten Gene entschlüsselt hat, die nachweislich mitursächlich für die schweren Darmentzündungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind, fordert in einer aktuellen Erklärung (siehe beiliegendes Dokument) für die Perspektive der Genetik ein radikales Umdenken: "Nachdem die groß angelegten Fishing Expeditions diskreditiert sind, besteht jetzt ein regelrechter Kulturkampf. Um komplexe Krankheitsmechanismen zu verstehen, bleibt die Genetik jedoch unverzichtbar - natürlich neu justiert."

