Chronisch entzündet
Wenn die eigene Abwehr nachtragend ist
Das Immunsystem merkt sich alles: Wird es mit einem Krankheitsauslöser ein zweites Mal konfrontiert, wird schnell die dafür nötige, zielgenaue Abwehr mobilisiert. Doch das immunologische Gedächtnis ist zunehmend hyperaktiv, löst entzündliche Immunreaktionen immer wieder neu aus. Völlig grundlos. Die fein austarierte Regulation der Abwehr ist defekt. Jetzt diskutieren Forscher Möglichkeiten, die so fatalen Erinnerungen des eigenen Immunsystems zu löschen - analog zur Chemotherapie, in deren Folge das Abwehrsystem zerstört wird, mittels Stammzellen sich aber wieder regenerieren lässt. Dann ohne das krankmachende Gedächtnis.
"Aus dem Verständnis der Mechanismen fehlgeleiteter Immunreaktionen bei chronischen Entzündungen ist dieses plakative Ziel nahe liegend. Wird man aber konkret, tun sich schnell Probleme auf", warnt Peter Lamprecht vor zu großer Euphorie. Der Wissenschaftler des "Exzellenzcluster Entzündungsforschung" untersucht selbst am Beispiel der Entzündungserkrankung Wegenersche Granulomatose die beiden zentralen Zelltypen, die das Immungedächtnis bestimmen: T-Lymphozyten, die Immunreaktionen mittels Botenstoffen regulieren, und schützende Antikörper produzierende Plasmazellen.
Vor allem Letztere hat der Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums, Andreas Radbruch, als "interessantes therapeutisches Ziel" für die Löschung des Krankheitsgedächtnisses bei Gelenkentzündungen identifiziert. Die Plasmazellen entstehen beim zweiten Kontakt des Immunsystems mit einem Krankheitsauslöser, wandern ins Knochenmark oder in entzündetes Gewebe. In dieser Nische entziehen sie sich der körpereigenen immunologischen Kontrolle wie auch anti-entzündlichen Medikamenten, die Abwehrreaktionen dämpfen sollen. "Um das immunologische Gedächtnis aber dauerhaft zu löschen, müssen beide Zelltypen ins Visier genommen werden", erläutert Radbruch weiter. Doch das komplexe Immunsystem ist so leicht gar nicht umzuprogrammieren, gerät schnell insgesamt ins Wanken: "Ob der vielfältigen Verflechtungen innerhalb der Abwehrmechanismen des Körpers ist es nicht leicht, gezielt das immunologische Gedächtnis nur für eine spezifische Autoimmunreaktion herauszufiltern und nur diese eine zu löschen", sagt "Exzellenzcluster"-Forscher Lamprecht. Denn die Auswirkungen einer solchen Manipulation auf durchaus erwünschte, oftmals überlebenswichtige Immunreaktionen sind noch schwer abzuschätzen.

